Morphologie der Achse

1.5 Seitensproßbildung und Wuchsform

1.5.6  Ausläufersprosse

Ausläufersprosse oder Stolonen dienen meist der vegetativen Ausbreitung der Pflanze. Es handelt sich um orthotrop wachsende Seitensprosse mit meist gestreckten Internodien und reduzierten Blattorganen (Niederblätter).

(a) oberirdisch

Oberirdisch wachsen diese Sprosse z.B. beim Günsel (Ajuga reptans) oder bei der Erdbeere (Fragaria vesca).

Bei der Erdbeere (s. Troll 1957: 135; "Prakt. Morph. I; Rauh 1950: 57) werden die Ausläufer in der Achsel der obersten der rosettig angeordneten Laubblätter gebildet. Sie besitzen zwei stark verlängerte Internodien und meist zwei Knoten mit Niederblättern, die Ihrer Stellung nach die Vorblätter sind. Nach den beiden Vorblättern bildet der Ausläufer am Ende eine sich aufrichtende Achse mit einer neuen Laubblattrosette. Die orthotrope, erstarkende Rosette bildet an den Knoten sprossbürtige Wurzeln und wird so von der Mutterpflanze unabhängig. Die einzelnen Ausläufer können sich aus den Achseln der Vorblätter verzweigen.

Die jeweils gebildeten Blattrosetten schliessen ihr Wachstum erst im folgenden Jahr mit der Bildung einer terminalen Infloreszenz ab. Die dann neben der Infloreszenz stehenden Laubblätter gehören zu neuen, aus der Achsel der letztjährigen Laubblätter austreibenden Seitentriebe (bei der Wildform nur ein Trieb). Diese seitlichen Rosetten bilden dann ihrerseits neue Ausläufersprosse.

Eine Besonderheit stellen die sog. Wandersprosse der Brombeeren (Rubus fruticosus) dar. Die bei Kulturformen bis 3-5m langen Triebe neigen sich im Laufe ihres Wachstums bogig nach unten. In Bodennähe werden bei wenig verlängerten Internodien nur noch Niederblätter gebildet. In Spitzennähe werden ausserdem zahlreiche sprossbürtige Wurzeln angelegt, die bei Bodenberührung austreiben und die sich nun negativ geotrop aufrichtende Endknospe mehrere Zentimeter in den Boden hineinzieht. Im nächsten Frühjahr wächst die Endknospe zu einem neuen Trieb aus und bildet auch an ihrer Basis weitere Seitenschösslinge. Die Blütenbildung erfolgt an jedem Trieb erst im darauffolgenden Jahr. Die abgeblühten Triebe sterben jeweils ab.

(b) unterirdisch

Bei der Heidelbeere (Vaccinium myrtillus) entstehen die unterirdischen, sprossbürtig bewurzelten und mit Niederblättern versehenen Stolonen an den basalen Knospen von Cotyledonartrieben. Die Ausläufer bilden nach Umstimmung zum orthotropen Wuchs einen acroton verzweigten, sympodialen Laubspross.

Typische unterirdische Ausläufer bilden ebenso die Zaunwinde (Calystegia sepium) und die Quecke (Agropyrum repens). Durch diese Ausläufer sind diese Pflanzen als "Unkräuter" schlecht ausrottbar.

 

Ajuga reptans (Kriechender Günsel, Lamiaceae); oberirdische Ausläufer

Fragaria moschcata; oberirdische Ausläufer

Vaccinium myrtillus (Heidelbeere); Habitus

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Abbildungen

Rubus fruticosus (Brombeere); Wandersprossen im Schema [Rauh 1950: 68]

Rubus fruticosus (Brombeere); Bewurzelte Triebspitze [Rau 1950: 67]

Vaccinium myrtillus (Heidelbeere); Ausläufer [Rauh 1950: 212]

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Botanik - Morphologie, Anatomie und Systematik der Pflanzen

© J.R. Hoppe 1999 - 2006