Botanische Bestimmungsübungen

...eine Einführung in die Familien!





Solanaceae (Nachtschattengewächse)

radiär oder zygomorph K (5) [ C(5) A 5 ] G oberständig (2)

2300 Species, 90 Gattungen, Verbreitung gemäßigte Breiten und Tropen mit Zentrum in Mittel- und Südamerika



Die Solanaceae sind meist Kräuter, Sträucher oder kleine Bäume, die typischerweise bikollaterale Leitbündel besitzen. Die wechselständigen Blätter können nahezu alle Formen besitzen, sind jedoch stets exstipulat. Die entomophilen Blüten sind in cymösen Blütenständen angeordnet oder sitzen einzeln. Oberflächlich betrachtet sind die Blüten radiärsymmetrisch; da die Mediane des Fruchtknotens jedoch schräg gestellt ist, die Scheidewand also diagonal in der Blüte verläuft, sind sie strenggenommen asymmetrisch. Der pentacyclische, verwachsenblättrige Kelch ist meist persistierend. Die Blütenkrone ist ebenfalls pentamer und verwachsen, wenngleich häufig nur an der Basis. Das Androeceum besteht aus 5 Stamina, in zygomorphen Blüten auch aus weniger, die mit den Kronblättern alternieren oder epipetal sind. Oft sind sie auch mit diesen verwachsen. In vielen Fällen, besonders wenn die Blüten stieltellerförmig sind, bleiben die Staubbeutel zusammengeneigt, ohne jedoch verklebt zu sein. Der oberständige, zweiblättrige Fruchtknoten ist coeno-syncarp und bildet zwei Lokulamente aus. Oft werden falsche Scheidewände ausgebildet (Lycopersicon esculentum [Tomate]), die dann ein vielzähligeres Karpell vortäuschen. Die anatropen (gewendeten) oder campylotropen (gebogenen) Samenanlagen stehen an dicken Placenten. Die Samen besitzen reichlich Endosperm.

Die Frucht ist eine Kapsel (Nicotiana tabacum, Petunia sp., Datura sp.[Stechapfel: Kapsel vierklappig], Hyoscyamus niger [Bilsenkraut: Deckelkapsel]) oder eine Beere (Solanum tuberosum [Kartoffel], S. dulcamara [Bittersüßer Nachtschatten] und andere Solanum-Arten, Lycopersicon esculentum [Tomate], Capsicum annuum [Paprika], Atropa bella-donna [Tollkirsche]).

Die oben bereits erwähnten zahlreichen Nutzpflanzen besitzen z. T. einen langen historischen Werdegang. Tabak wurde in Süd- und Mittelamerika schon in präcolumbianischer Zeit angebaut. Die Kartoffel gelangte im 16. Jahrhundert nach Europa, doch hatte sie in der damaligen Dreifelderwirtschaft (Sommergetreide-Wintergetreide-Brache) keinen Platz. Erst Friedrich der Große setzte den flächenmäßigen Anbau, allerdings mit Gewalt, durch. Hinzu kam der Hunger während der Schlesischen Kriege, die der Kartoffel zum endgültigen Durchbruch verhalfen. Der deutsche Name Kartoffel leitet sich vom italienischen «tartufoli», Trüffel, ab. Eine ebenfalls schon im alten Mexico bekannte Kulturpflanze ist die Tomate, deren Name sich von «tumatle», der alt-mexicanischen Bezeichnung, ableitet. Sie fand jedoch erst im 19. Jahrhundert größere Beachtung. Ebenfalls von den Spaniern aus Mittelamerika wurde der Paprika nach Europa gebracht. Seit Ende des 16. Jahrhunderts wurde sie besonders in Ungarn wegen des dort günstigen Klimas angebaut.

Die Nachtschattengewächse sind eine regelrechte Alkaloid-Familie, denn sie enthalten eine ganze Reihe verschiedener Verbindungen aus mehreren Alkaloid-Gruppen:

Tropan-Alkaloide:

Sie bedingen vor allem die Giftigkeit aber auch den terapeutischen Nutzen von Atropa bella-donna (Tollkirsche) oder Hyoscyamus niger (Bilsenkraut).

Pyridinalkaloide:

Hier ist vor allem Nikotin zu nennen, das neben seiner suchtstillenden Eigenschaft für Raucher wegen seiner hohen Toxizität als Schädlingsbekämpfungsmittel Verwendung findet. Vorkommen vor allem in Nicotiana tabacum.

Steroidalkaloide:

N-haltige Steroidaglyka (C27-Steroide der Cholestanreihe), die mit Zuckern glykosidisch verknüpft sind. Sie bedingen die relativ schwache Giftigkeit verschiedener Vertreter aus der Gattung Solanum.



© 1997 Bernhard Schmidt, Abteilung Systematische Botanik und Ökologie, Universität Ulm

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