Botanische Bestimmungsübungen

...eine Einführung in die Familien!





Scrophulariaceae (Rachenblütler oder Braunwurzgewächse)

K (5) [ C (5) A 5 bis 2 ] G oberständig (2)

3000 Species, 200 Gattungen, Verbreitung kosmopolitisch mit Ausnahme des äußersten Nordens

Die Scrophulariaceen sind in der Mehrzahl Kräuter, Stauden oder Zwergsträucher. In der Gattung Paulownia (Blauglockenbaum) kommt auch ein baumförmiger Vertreter vor. Die aus Ostasien stammende Art wird in milderen Lagen bei uns häufig als Zierbaum angepflanzt. Die exstipulaten Blätter können alle Formen besitzen, sind jedoch meist in charakteristischer Art und Weise gekerbt oder gesägt. Die Blütenstände können traubig, rispig oder cymös sein. Der fünfzählige Kelch ist wie die pentacyclische Krone verwachsenblättrig. Innerhalb dieser Familie können wir eine zunehmende Tendenz zur Zygomorphie (Dorsivertralität) feststellen und eine Reduktionsreihe der Stamina beobachten. Die Krone von Verbascum (Königskerze) ist noch radiärsymmetrisch. Die Stamina jedoch deuten Dorsiventralität innerhalb dieser Gattung bereits an, indem bei manchen Arten drei Filamente wollig behaart, die anderen zwei aber kahl sind. Bei Scrophularia (Braunwurz) oder Digitalis (Fingerhut), die schon angedeutet dorsiventrale Kronen besitzen, ist das mediane Staubblatt bereits ausgefallen, bzw. nur noch rudimentär vorhanden. Deutlich zygomorphe Blüten besitzen beispielsweise die Gattungen Rhinanthus (Klappertopf), Pedicularis (Läusekraut), Euphrasia (Augentrost) und Melampyrum (Wachtelweizen). Bei den Gattungen Linaria (Leinkraut) und Antirrhinum (Löwenmäulchen) wird die Zygomorphie durch einen Sporn und eine Ausstülpung der Unterlippe, die die Kronröhre verschließt, noch unterstrichen. Die Reduktionsreihe endet schließlich bei Veronica (Ehrenpreis), die nur noch 4 Kronblätter und 2 Staubblätter besitzen. Veronica teucrium besitzt jedoch noch einen kleinen, fünften Kelchblattzipfel.





Der zweiblättrige, oberständige (Blüte hypogyn) Fruchtknoten trägt die Samenanlagen an zentralwinkelständigen Placenten. Die Frucht ist eine Kapsel selten eine Beere.

Die Hochblätter oder Brakteen spielen in dieser Familie oftmals eine besondere Rolle. Durch ihre Färbung unterstützen sie die Signalwirkung und tragen wesentlich zur Auffälligkeit der Blüten bei. So sind die Brakteen von Castilleja oder Melampyrum (Wachtelweizen) lebhaft rot bzw. violett gefärbt.


Im wesentlichen nach der Knospenlage der Kronblätter und der Blattanordnung lassen sich drei Unterfamilien, Verbascoideae, Scrophularioideae und Rhinanthoideae unterscheiden. Die Rhinanthioideae haben in ihrer Evolution zahlreiche Halbparasiten ausgebildet. So besitzen Rhinanthus, Melampyrum, Pedicularis und Euphrasia zwar noch Blattgrün, ihre Wasserversorgung und teilweise ihren Nährsalzbedarf decken sie jedoch mittels sogenannter Haustorien von ihren Wirtspflanzen. Da sie die Flüssigkeit entgegen des Transpirationsstromes ihrer Wirtspflanze ansaugen müssen, besitzen sie selbst eine äußerst rege Blatt-Transpiration. Abgeschnittene Wachtelweizenpflanzen (Melampyrum) welken daher extrem schnell. Am Ende dieser Reihe steht Lathraea squamaria, die Schuppenwurz, die kein Blattgrün mehr enthält, also ein Vollpararsit ist. Um dennoch Wasser und Nährsalze ansaugen zu können, besitzt sie eigene wassersekretorische Drüsen an ihren Schuppenblättern. Die Schuppenwurz, ähnlich wie auch die vorher genannten Arten, gedeiht nur auf bestimmten Wirten: Alnus (Erle), Corylus (Hasel) oder Populus (Pappel), um einige Beispiele zu nennen (Wirtsspezifität).

Für die Gattung Digitalis typisch und zugleich von überragender Bedeutung ist das Vorkommen von Cardenoliden (Digitalis-Glycosiden). Die vor allem in zwei Arten, Digitalis purpurea (Roter Fingerhut, Mitteleuropa auf silikatreichen Böden) und D. lanata (Wolliger Fingerhut, SO-Europa), vorkommenden Wirkstoffe sind zur Behandlung von Herzinsuffizienz unentbehrlich und begründen nicht zuletzt auch die Bekanntheit dieser Heil- und Giftpflanze. Der Gehalt beider Species ist jedoch sehr unterschiedlich: Während D. lanata bis zu 1 % enthält, sind es bei D. purpurea, die vorwiegend aus historischen Gründen weiter verwendet wird, nur etwa 0,3 %. Im Anbau findet sich daher nur der Wollige Fingerhut (D. lanata). Chemisch gesehen handelt es sich bei den Cardenoliden um labile Steroidglycoside mit einem charakteristischen 5gliedrigen, einfach ungesättigten Lactonring am C-17 des Steroidgerüstes. Durch unterschiedliche Substituenten am Aglycon ergeben sich eine Vielzahl verschiedener Moleküle aus dieser Gruppe. Die Substituenten sind vor allen Didesoxyhexosen und andere ungewöhnliche Zucker (v. a. auch der Extrakte von D. purpurea). Da die Wirkstoffzusammensetzung genetisch, modifikatorisch und durch den Vorgang der Trocknung stark schwankt, werden in der Medizin heute beinahe ausschließlich standardisierte Rohextrakte oder partialsynthetisch abgewandelte Reinsubstanzen anstelle der früher verwendeten purpurea-Zubereitung eingesetzt.


© 1997 Bernhard Schmidt, Abteilung Systematische Botanik und Ökologie, Universität Ulm

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