Botanische Bestimmungsübungen

...eine Einführung in die Familien!





Poaceae (Süßgräser)

P (2) : 1° + 2 : 1° A 3 + 0 : 3° G oberständig (3) (Mehrzahl der Poaceae)

ca. 9000 Species, ca. 650 Gattungen, Verbreitung kosmopolitisch

Diese und die noch zu behandelnden Familien der Juncaceen und Cyperaceen werden in die Klasse der Monocotyledoneae, den Einkeimblättrigen, gestellt und somit den Dicotyledoneae, den Zweikeimblättrigen, gegenübergestellt, zu denen alle bisher besprochenen Familien gehören. Neben der Zahl der Keimblätter sind es vor allem anatomische Merkmale und die überwiegend tricyclischen Blüten der Monocotyledoneae, die zu dieser Einteilung geführt haben.

Die Süßgräser sind eine Familie, die für den Menschen seit Alters her eine enorme Bedeutung besitzen. Mit den verschiedenen Getreidesorten, auf die wir später noch zu sprechen kommen, stellen sie einen außerordentlichen Teil der direkten Ernährung für den Menschen. Auch indirekt besitzen sie als Viehfutter für die Versorgung von Nutztieren eine führende Rolle. Sogar ganze Landstriche in allen Teilen der Welt, so die Savannen Afrikas, die Steppen Zentralasiens oder unsere heimischen Wiesen, sind von den Poaceen geprägt.

Von Vertretern der Unterfamilie Bambusoideae abgesehen, sind die Gräser krautig und oft ausdauernd. Durch die Gliederung des Stengels in Nodien (Knoten) und Internodien (Stengelstück zwischen den Knoten) ergibt sich ein charakteristisches Bild. Die Internodien sind hohl, was dem Sproß eine hohe Biegefestigkeit bei gleichzeitig großer Stabilität verleiht. An den verdickten Nodien (Name!) setzen die Blätter an. Sie sind in eine den Stengel umhüllende Blattscheide und eine schmale, parallelnervige Spreite geteilt. Beide Teile können gleich lang sein. Am Übergang ist oft eine Ligula ausgebildet, die uns vielfach wichtige Merkmale zur Bestimmung liefert: Sie kann groß oder reduziert, ganzrandig oder zerschlissen sein, manchmal ist sie auch durch einen Haarkranz ersetzt. Die Blattscheide sorgt außerdem dafür, daß die weichen, interkalar wachsenden (d.h. mit Meristemen in der Sproßmitte, die später als ganzes in den differenzierten Zustand übergehen und ihre Teilungstätigkeit einstellen) Internodien-Basen vor äußeren Einflüssen geschützt sind.

Die Blütenstände sind in Rispen oder Ähren angeordnet. Dabei gibt es zwischen beiden Formen Übergänge, die sogenannten Ähren-Rispengräser. Hier finden wir verzweigte Teilblütenstände, deren Stiele jedoch so kurz sind, daß die Erscheinung der einer dick-walzlichen Ähre entspricht. Die Blüten selbst sind in Ährchen angeordnet. Diese Bezeichnung gilt unabhängig davon, ob wir nun eine Ähre, Rispe oder eine Ähren-Rispe vorliegen haben. Die Ährchen können ein oder vielblütig sein - ein wichtiges Bestimmungsmerkmal. Jedes Ährchen besitzt in der Regel zwei ± große Hüllspelzen. Als Spelzen bezeichnen wir die Hoch- oder Blütenblätter innerhalb der Ährchen, da sie meist häutig und trocken sind. Darauf folgen die Deckspelzen. Sie sind die Tragblätter der Blüten. Da die Ährchen oft zur Einblütigkeit reduziert sind, ergibt sich dann das Bild, daß eine (End-)Blüte von zwei Hüll- und zwei Deckspelzen einhüllt ist. Die Blüte selbst zeichnet sich durch zahlreiche Reduktionen und Umgestaltungen im Dienste der Windbestäubung (Anemophilie) aus. Vom äußeren Blütenblattkreis, alle Organe sind ursprünglich in der typischen Monocotyledonen-Dreizahl vorhanden gewesen, ist ein Perigonblatt reduziert, die zwei verbleibenden zur Vorspelze verwachsen. Im inneren Kreis finden wir noch zwei Blütenblätter, die jedoch zu den Lodiculae (Schwellkörperchen) umgebildet sind. Sie dienen der völligen Öffnung der Blüte. Es folgen drei Staubgefäße, der innere, zweite Kreis ist ausgefallen. Ihre Filamente sind lang und dünn und lassen die Theken aus der Blüte baumeln. Der Wind kann so den trockenen, und nicht verklebten Pollen (Windbestäubung!) ausstauben. Das Gynoeceum ist aus drei oder zwei Karpellen aufgebaut, das dementsprechend drei oder zwei gefiederte Narben, die den Pollen wieder aus Luft herauskämmen können, besitzt. Der oberständige Fruchtknoten ist unilokulär. Die einzige Samenanlage entwickelt sich zu einer nußartigen Karyopse (Frucht- und Samenschale sind miteinander verwachsen). Daß es sich bei den oben beschriebenen Verhältnissen tatsächlich um eine Reduktionsform ursprünglich vollständiger Blüten handelt, zeigen uns Vertreter aus der Unterfamilie der Bambusoideae die noch drei Lodiculae und oft noch 3 + 3 Staubblätter besitzen. Auch Reis (Oryza) weist 3 + 3 Stamina in zwei Kreisen auf.

Je nach systematischer Auffassung werden mehrere Triben oder Unterfamilien unterschieden. Die Einteilung vollzieht sich hierbei nach primitiveren Merkmalen, wie die 3 + 3 Zahl der Stamina, oder nach der Aderung der Hüllspelzen, der Behaarung der Ährchenachse oder der Blütenanzahl im Ährchen.

Die Karyopse der Gräser besitzt einen charakteristischen Aufbau. Der Embryo liegt dem reichlich gebildeten Endosperm seitlich an. Unter der verwachsenen Frucht- und Samenschale liegt die eiweißreiche Aleuronschicht. Darunter folgt dann das den restlichen Samen ausfüllende stärkereiche Endosperm. In der Aleuronschicht sind es vor allem Albumine, Globuline, Gluteine und Prolamine. Letztere können durch eine immunologische Überempfindlichkeitsraktion die als Zöliakie bekannte Krankheit mit den damit verbundenen Ernährungsproblemen (meiden jeglicher Getreideprodukte) auslösen. Die Stärke kann einfach (Roggen, Weizen, Gerste) oder zusammengesetzt (Hafer) sein.

Die Glucosespeicherung kann, so beim Zuckerrohr (Saccharum officinarum), in den vegetativen Teilen oder beim Zuckermais in den Samen auch unpolymerisiert erfolgen.

Daneben kommen auch ätherische Öle (Cymbopogon nardus [Zitronengras] liefert Aetheroleum Citronellae) und Cumarine (Anthoxanthum odoratum [Ruchgras] mit ca 1 % Cumarin im Sproß) vor. Auch Akaloide, cyanogene Glycoside und Polyphenole sind in geringeren Mengen enthalten.

Die Geschichte der Menschheit ist eng mit den verschiedenen Getreidesorten verknüpft. In Mitteleuropa ist mit dem Beginn des Ackerbaues schon seit dem 5. Jahrtausend v. Chr. Einkorn (Triticum monococum), Emmer (T. dicoccon) und die Vielzeilgerste (Hordeum vulgare), die schon seit Jahrtausenden im östlichen Mittelmeerraum genutzt wurde, bekannt. Später kamen Roggen (Secale cereale) und Hafer (Avena sativa) hinzu. Die zunehmende züchterische Bearbeitung der Getreidesorten zielte vor allem auf einen höheren Ertrag und damit die Vermehrung der Kornleisten, ein leichteres Trennen von Spelzen und Korn, eine höhere Bruchfestigkeit der Ährenachse und in neuerer Zeit auch auf eine Verkürzung der Halme, um bei dem hohen Gewicht der Ähren Windbruch zu vermeiden. Die dazu nötige Einkreuzung von Wildarten ging z. T. mit einer Polyploidisierung einher, die mit der gebildeten Kornzahl ± proportional ist: Einkorn diploid, Emmertetraploid, Saatweizenhexaploid. Schließlich sei noch der Mais (Zea mays) angeführt, der getrenntgeschlechtliche Blüten aufweist. Die Blüten sind gipfelständig, die Blüten sind in seitlichen Kolben angeordnet. Die Wildform der schon von den mittelamerikanischen Hochkulturen genutzten Kulturpflanze war lange Zeit unbekannt und soll erst kürzlich entdeckt worden sein. Verschiedene Arten des Bambus werden in asiatischen Ländern als Baumaterial von erstaunlicher Festigkeit eingesetzt.



© 1997 Bernhard Schmidt, Abteilung Systematische Botanik und Ökologie, Universität Ulm

zurück zum Inhaltsverzeichnis