Botanische Bestimmungsübungen

...eine Einführung in die Familien!





Euphorbiaceae (Wolfsmilchgewächse)

Mercurialis: : K 3 A 3staminodial G oberständig (2-3) : K 3 A viele



Euphorbia, männl.: P0 A1, weibl.: P0 G oberständig (3)



ca. 7500 Species, 300 Gattungen, Verbreitung tropisch mit einigen Vertretern in den gemäßigten Breiten

Mit einer Artenzahl von 7500 gehören die Euphorbiaceae zu den größten Blütenpflanzen-familien der Welt. Der hohen Artenzahl und weiten Verbreitung entsprechend sind auch die Wuchsformen sehr divers und reichen von einjährigen und ausdauernden Kräutern über Sträucher bis hin zu Bäumen. Die Besiedlung immer neuer Lebensräume hat auch zu einer vielfältigen Ausprägung verschiedener Lebensformen geführt. Gerade die Sukkulenz, die bei zahlreichen Bewohnern arider Gebiete vor allem innerhalb der Gattung Euphorbia anzutreffen ist, zeigt ein schönes Beispiel konvergenter Entwicklung. Ihr Cactaceen-ähnlicher Habitus wird durch die an Blattesstelle gebildeten paarigen Stacheln noch unterstrichen.

Die Blätter sind entweder einfach oder handförmig zusammengesetzt und häufig mit Stipeln ausgestattet.

Besonders vielgestaltig sind die Blüten und Infloreszenzen innerhalb dieser Familie. Sie sind immer eingeschlechtig, Rudimente des anderen Geschlechts (Staminodien ...) können jedoch vorhanden sein, die Verteilung ist monözisch oder diözisch. Bei der tropischen Ölpflanze Jatropa curcas (Purgier-Nuß) finden wir ein doppeltes Perianth. Bei dem heimischen Bingelkraut (Mercurialis perennis) ist nur ein dreizähliger Kelch vorhanden. Bei der ebenfalls heimischen Gattung Euphorbia finden wir schließlich keine Blütenhülle mehr. Bei letztgenannter Gattung sind die eingeschlechtlichen, nakten Blüten sekundär zu einzelblütenähnlichen Pseudanthien, die hier Cyathien genannt werden, zusammengefaßt. Die Blüten sind hierbei bis auf ein nacktes Staubblatt bzw. Gynoeceum reduziert. Hochblätter, die auch lebhaft gefärbt sein können, umgeben die Blütenstände perigonartig. Halbmondförmige oder andersgestaltete Drüsen, die den Brakteen entwachsen sind, prägen oft ebenfalls die Erscheinung. Zusätzlich können laubig gestaltete Brakteen, die bei E. pulcherrima (Weihnachtsstern) kräftig rot gefärbt sind, die Auffälligkeit der Blütenstände erhöhen. Die Cyathien ihrerseits können wiederum zu di- bis pleiochasialen Blütenständen zusammengefaßt sein.

Mehrere Hinweise zeigen uns, daß es sich bei diesen Pseudanthien, die Linné noch für Blüten hielt, tatsächlich um Infloreszenzen und nicht um Einzelblüten handelt. Die Blüten von Anthostema senegalense tragen ein röhrenförmig verwachsenes, kleines Perianth direkt unterhalb des einzig verbliebenen Staubbeutels. Bei den monostaminalen Blüten vieler Euphorbia-Arten findet sich an dieser Stelle eine Einschnürung, die als ursprünglicher Sitz der Blütenblätter gedeutet wird. Es muß sich also um eine extrem reduzierte Blüte handeln. Als weiteres Indiz sei der Fruchtknoten genannt, der an der empfängnisbereiten Blüte an einem langen Stiel aus der «Blüte» hängt. Diese Stelle ist zudem drüsenlos. Eine solche Tatsache ist von keiner Blüte bekannt.

Die Wolfsmilchgewächse werden in eine ganze Reihe von Unterfamilien eingeteilt. Unsere einheimischen Gattungen Euphorbia und Mercurialis sind jedoch alle bei den Euphorbioideae zusammengefaßt, die sich durch nur eine Samenanlage pro Loculament und das Vorhandensein (Ausnahme Mercurialis) von Milchsaft auszeichnen.

Chemisch ist diese Familie vor allem durch den in ungegliederten Milchröhren enthaltenen Milchsaft, der jedoch nicht bei allen Arten vorkomt, gekennzeichnet. Neben knochenförmiger Reservestärke setzt er sich zum größten Teil aus polymerisierten Isoprenbausteinen zusammen (Polyisopren, Kautschuk). Die wichtigsten Kautschuk-lieferanten sind Hevea brasiliensis und Manihot glazoivii; der gewonnene natürliche Kautschuk wird Parakautschuk genannt.

Daneben sind cyanogene Verbindungen von Bedeutung. Die stärkereichen Knollen von Manihot esculenta (Maniok, Cassava, auch Yucca genannt) sind durch ihren hohen Gehalt an Cyaniden (Linamarin) in ungekochtem Zustand ungenießbar. Erst nach dem Erhitzen werden die cyanogenen Verbindungen gespalten und entweichen.








Neben den bereits erwähnten sind als Nutzpflanzen insbesondere zu nennen:

Ricinus communis

Croton tiglium (Crotonöl als Laxans aber: carcinogen)

Vernicia sp. (Tungöl für die Lack- und Farbenindustrie)

Weiter haben viele Familienvertreter als Zierpflanzen Bedeutung (E. pulcherrima, E.milii).



© 1997 Bernhard Schmidt, Abteilung Systematische Botanik und Ökologie, Universität Ulm

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