12. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Tropenökologie - gtö. Ulm, 17 - 19.02.1999: Plenarvortrag V- 1.1


Die Funktionstypen der Kesselfallen-Blumen

Stefan Vogel
Institut für Botanik der Universität Wien

Kesselfallen-Blumen (KF) attrahieren Insekten größtenteils durch Vortäuschung nicht-floraler Nahrung oder von Brutsubstrat; ihre Bestäuber sind in der Regel weder typische Blütengäste noch im Besitz entsprechender Organe und Reaktionsnormen. Sie werden zum Zwecke des Pollentransfers z.T. gegen ihre Intentionen manipuliert, indem sie trügerisch angelockt, zum Absturz gebracht, vorübergehend arretiert und wieder freigelassen werden. Altbekannte, oft wiederholte Lehrbuchbeispiele verraten nicht die existierendeVielfalt in der Biotechnik der einzelnen Schritte des Prozesses, über die hier ein vergleichender Überblick gegeben wird. Das Spektrum der KF reicht von Halb-Fallen bis zu tödlicher Gefangensetzung. Je nach Verwandtschaftsgruppe können die meist in Saum, Tubus und Kesselteil gegliederten KF aus Einzelblüten oder Infloreszenzen bestehen, und aus Perigonen, Korollen oder Brakteen gebildet sein. Die Größenverhältnisse von Fallen und Opfern zeigen keine direkte Korrelation. KF sind frei exponiert, selten im Boden versenkt oder submers. Wenigstens anfangs orientieren sie sich strikt negativ geotropisch. Ihre Anthese kann abends oder morgens einsetzen und 24 Std.bis wochenlang dauern, und davon abhängig erfolgt Pollen-Import und -Export durch die gleichen Individuen oder durch aufeinander folgende Besucher. Allein der Saum der KF dient der meist kurzzeitigen Anlockung, die aus der Distanz geruchlich, in der Nähe auch visuell durch imitative Farben und Formen, Flimmerkörper, taktile Reize, Feuchtegradienten, selten durch Nahrungsangebot (Nektar, Schleim) erfolgt. Die Besucher (Käfer, Dipteren, selten Bienen) fliegen, soweit bekannt, in Erwartung ihrer jeweiligen normalen Zielobjekte an wie Aas, Kot, reife und faulende Früchte, Pilze (sapromyiophiles Syndrom), Insekten, Warmblütler, Vogelnester, Geschlechtspartner, Schwarmbildung balzender Artgenossen. Manche gelangen freiwillig in den Kesselteil, die meisten bei Suchbewegungen durch Absturz über Gleitzonen im Tubus, deren Wirkung je nach Besuchertyp auf bloßer Glätte, losen Wachspartikeln oder Ölen (die die Tarsalpulvillen inaktivieren), abwärtsweisenden Sperrhaaren oder Papillen beruhen kann. Temporäre Konstriktion oder eine Syrinx des Kesselhalses sowie Reusen vereiteln zusätzlich die nun einsetzenden phobotaktischen Befreiungsversuche. Importierten Pollen streifen die Insekten oft schon beim Herabstürzen auf der Narbe ab, oder Fenstereffekte, die Ausgänge vortäuschen (diaphane Wandpartieen gegen dunkle Tapeten) leiten die Insassen zu den - meist protogynen - Bestäubungsorganen. Die Pollenanheftung (Aufkleben von Pollenmassen; Kleb-und Klemmpollinien) erfolgt meist während einer nächtlichen Beruhigungsphase oder erst beim Verlassen der KF (Durchwaten ausgeschütteten Pollens). Regulierung der Luftfeuchte durch Stomata oder Epidermislücken der Kesselwand sowie Nahrungsangebote (Nektar, Futtergewebe) dienen dem Überleben der Insassen. Die Entlassungsphase ist besonders bei KF mit kurzer Anthese von zeitlich und lokal streng determinierten physiologischen Programmen begleitet; Retentionsstrukturen werden runzelig und begehbar, Gleitöl erstarrt, Strikturen und Ausgänge erweitern sich, bzw. die KF kippt in die Horizontale (so bei Irreversibilität der Gleitzone). Die morgendlich wieder aktiven Insassen können nunmehr entkommen. Da die meist angeborenen Reaktionen auf Schlüsselreize von negativen Lernvorgängen unbeeinflußt sind, motivieren sie die Tiere zu erneutem Anflug benachbarter KF, wodurch Kreuzbefruchtung eintritt. - Die hohe Diversität hinter einem gemeinsamen Grundprinzip der KF bietet ein weites Feld künftiger empirischer und experimenteller Forschung, zumal in den Tropen.