12. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Tropenökologie - gtö. Ulm, 17 - 19.02.1999: Vortrag V- 3.2


Zur Artenvielfalt kryptogamischer Epiphyten in tropischen Tiefland- und Bergregenwäldern

S.R. Gradstein
Universität Göttingen, Albrecht-von-Haller-Institut für Pflanzenwissenschaften, Göttingen

Ein Kennzeichen von tropischen Bergregenwäldern ist die hohe Abundanz kryptogamischer Epiphyten, besonders Bryophyten (Moose). Das üppige Wachstum dieser poikilohydren Organismen wird durch die häufige Wolkenbedeckung, die verhältnismäßig niedrigen Temperaturen und das hohe Wasserangebot gefördert. Die Epiphytenbedeckung wirkt auf den hydrologischen Kreislauf des Waldes ein, indem sie große Mengen Regenwasser aufnimmt und dazu beiträgt, das Niveau der Luftfeuchte im Wald hochzuhalten. Außerdem bildet sie ein Substrat, auf dem sich vaskuläre Epiphyten etablieren können und zahlreiche Invertebraten und Mikroorganismen einen Lebensraum finden.

Die taxonomische Kenntnis von tropischen Kryptogamen ist in den vergangenen Jahren beträchtlich angewachsen; in einigen tropischen Gebieten ist die Identifikation von bis zu 80-90 % der vorkommenden Moos- und Flechtenarten möglich. Unser Verständnis kryptogamischer Epiphytendiversität in den Tropen und deren Bedeutung für die Ökologie der Tiefland- und Bergregenwälder bleibt jedoch sehr unvollständig. Dies hat insbesondere zwei Gründe:

1. Praktisch alle Studien wurden im unteren Stammraum des Regenwaldes durchgeführt, der obere Teil des Stammes und der Kronenraum wurden weitgehend vernachlässigt. Rezente Daten über die Diversität im Kronenraum zeigen, daß die oberen Teile des immergrünen Waldes die größten Artenvielfalt aufweisen.

2. Zunehmend unterliegen die tropischen Bergregenwälder geplanter Nutzung und ungeregelter Zerstörung, wodurch die Muster biologischer Vielfalt und ökologischer Prozesse gravierend verändert werden. Über die Auswirkung der Entwaldung auf die Epiphytendiversität ist noch kaum etwas bekannt. Häufig wird angenommen, daß intakte Wälder einen höheren Artenreichtum beherbergen als zerstörte. Rezente Untersuchungen in Papua Neu Guinea, Costa Rica, und Mexiko zeigen, daß bis zu 50 % der Bryophytenarten des Primärwaldes nach der Waldzerstörung verloren gehen, andererseits scheint die Diversität von Flechten auf Bäumen im Weideland und in Sekundärwäldern höher zu sein als im Primärwald. Offensichtlich kann die Konsequenz der Entwaldung je nach betrachteter Epiphytengruppe stark variieren. Des Weiteren scheinen Schattenepiphyten aus der Unterschicht und dem unteren Kronenraum wesentlich empfindlicher auf eine Waldzerstörung zu reagieren als die Sonnenepiphyten des oberen Kronenraums (Gradstein 1992). Quantitativ erhobenen Daten, um diese Hypothese zu belegen, fehlen allerdings.