Die "Wollemi-Kiefer" ist ein Vertreter der Araucariaceae

Diethard H. Storch

Ende 1994/Anfang 1995 ging eine Sensationsmeldung durch die Presse, verbreitet u.a. von DPA: Uralte Kiefer entdeckt, Relikt aus Dinos Zeiten, Lebendes Fossil entdeckt, Unbekannte Baumart entdeckt usw. Da hieß es z.B. wörtlich, die westlich von Sydney, Australien, im Wollemi-Nationalpark entdeckte, bisher unbekannte Wollemi-Kiefer existiere seit 150 Mill. Jahren und sei seit 65 Millionen Jahren ausgestorben. "Die nächsten Verwandten der uralten Konifere sind nur als Versteinerungen erhalten." Auch das stand so oder so ähnlich in den Meldungen. Vieles an diesen Meldungen war falsch und unglaubwürdig. Die an DPA übermittelten Korrekturen wurden anscheinend niemals veröffentlicht. So seien sie hier wiederholt.

Wenn eine Baumart bisher unbekannt war, woher weiß man dann, seit wann sie existiert und seit wann sie ausgestorben ist? Die nächsten Verwandten seien nur als Versteinerungen erhalten. Bäume dieser Art ("Wollemi-Kiefer") hätten vor Jahrmillionen große Teile der Erde bedeckt. Der spezielle Standort, eine kleine, feuchte und von Bränden verschonte Schlucht habe die letzten Exemplare dieser Art vor dem Aussterben bewahrt (seit 65 Millionen Jahren). Anzumerken ist dazu u.a., daß die Kiefern heutzutage eine Pflanzengattung der Nordhemisphäre sind, von der Südhemisphäre, also auch aus Australien, liegen bisher keine Fossilien von Kiefern (Gattung Pinus L.) vor. Außerdem sind die ältesten fossilen Kiefern noch gar keine 150 Mill. Jahre alt. Sie müßten dann im Oberen Jura gefunden worden sein, meines Wissens stammen die ältesten fossilen Kiefernreste aus der Unteren Kreide und nicht einmal aus deren untersten Schichten. Als dann die ersten Bilder von jungen Seiten- oder Spitzentrieben auftauchten, wurde sofort klar, daß es sich um zweizeilig oder gescheitelt ansitzende Blättchen handelt. Damit war auch die Zugehörigkeit zu Kiefern ausgeschlossen, denn die haben büschelförmig ansitzende Nadeln. Von allen mir bekannten rezenten Koniferen-Gattungen schien Agathis Salisbury dieser Pflanze aus dem Wollemi-Nationalpark am nächsten zu stehen, einer Gattung der Araukarien-Familie, die in Europa teilweise in Gewächshäusern vertreten ist und häufig als Kaurifichte bezeichnet wird.

Wie kam es nun zu den Falschinformationen? Offensichtlich aus einem ganz einfachen Grund: In der englischen Sprache werden ebenfalls die unterschiedlichsten Pflanzen mit demselben Namen "pine" belegt, den wir für gewöhnlich mit Kiefer oder Fichte übersetzen, man vergleiche nur einmal, wie viele Bäume in der deutschen Sprache als Tanne oder Fichte bezeichnet werden.

Sobald es klar war, daß es sich um einen Vertreter der Araukarien-Familie handelt, wurden auch die anderen Aussagen verständlicher: Agathis ist fossil in Australien bereits aus dem Mittleren Jura bekannt, aus 175 Mill. Jahre alten Schichten, sowie mit verschiedenen Nachweisen (nicht immer ganz sicher) aus kretazischen und tertiären Sedimenten. Heutzutage kommt die Gattung z. B. auf der Nordinsel von Neuseeland und in subtropischen Wäldern Queenslands vor, in Queensland allein mit drei Arten.

Mit Spannung wurde daher auf die wissenschaftliche Beschreibung der "Wollemi-Kiefer" gewartet, die sehr rasch erfolgen sollte. Die laufende Suche in vielen bekannten Zeitschriften blieb bisher erfolglos. Die Anwendung moderner Computer-Recherche-Möglichkeiten brachte heute nun das Ergebnis: Die Pflanze ist bereits 1995 beschrieben worden, u. zw. in der lt. Katalogauskunft in Baden-Württemberg nicht nachgewiesenen australischen Zeitschrift "Telopea". Sie heißt nun Wollemia nobilis und wird - wie erwartet - zu der Araukarien-Familie gestellt, die die geologisch ältesten aller heute noch existierenden Koniferen-Gattungen enthält. Mit nur 23 großen (bis 40 m hohen) Exemplaren und 16 Schößlingen gehört die Art zu den seltensten Pflanzen und ist hochgradig schützenswert.

Die Entdeckung dieser neuen Koniferen-Art ist übrigens ein Hinweis darauf, daß entgegen anderslautenden Meinungen noch viele Lebewesen auf unserer Erde existieren, die nicht nur den Wissenschaftlern bisher noch unbekannt sind. Dies beweist wieder einmal, daß Gelände- und taxonomische Forschungen dringend nötig sind. Wer kann denn schon ermessen, welche riesigen Verluste die Menschheit durch das Zerstören ganzer Umweltbereiche erleidet, wenn nicht einmal die Namen der Organismen, geschweige denn ihre Eigenschaften oder eventuellen Nutzungsmöglichkeiten bekannt sind?

aus: Paläontologie aktuell, 36: 59-60; Frankfurt a. Main 1997.

vorige Seite