von Sandra Wilken
Biologiestudenten der Universität Ulm können seit September diesen Jahres erstmals Erfahrungen machen, die ihnen kein tropenökologisches Praktikum in Europa bieten kann: in einem dreiwöchigen Kurs besuchen sie verschiedene biologische Forschungsstationen in Costa Rica und führen vielfältige Forschungsprojekte durch.
Fröstelnd und in dicke Winterjacken gehüllt stehen die Teilnehmer des tropenökologischen Praktikums früh morgens vor der kleinen biologischen Forschungsstation am Cerro de la Muerte, dem "Todesberg". Nicht überall in den Tropen herrscht feucht-heißes Gewächshausklima" eine Tatsache die sie hier, im Hochgebirge Costa Ricas, am eigenen Leib erfahren. Bei Temperaturen um den Gefrierpunkt war die Nacht im einfachen Bettenlager empfindlich kalt. Auch unter die eiskalte Dusche hat sich heute früh niemand gewagt. Zum Glück wird es mit den ersten Strahlen der Morgensonne, die über den zackigen Umrissen der umgebenden Berge aufleuchten, etwas wärmer. Bunt schillernde Kolibris in allen Formen und Größen haben nur auf die Sonne gewartet und beginnen nun, ihren Hunger mit Nektar zu stillen. Gilbert Barrantes macht die Gruppe auf ein besonders kleines Exemplar aufmerksam, das im Schwirrflug vor einer farbigen Blüte steht: "Ein Weißkehlkolibri, die kleinste hier oben vorkommende Art," erklärt er den zwölf, mit Ferngläsern bewaffneten Studenten. Der Professor der Universität Costa Rica kennt sich aus, hat jahrelang die Vogelwelt des Landes studiert und gibt sein Wissen nun an die deutschen Studenten weiter. Seit 1987 besteht zwischen den beiden Universitäten enger Kontakt. Jedes Jahr haben einige Biologiestudenten aus Ulm die Möglichkeit, in Costa Rica zwei Semester lang Tropenbiologie zu studieren. "Nun soll alle zwei Jahre zusätzlich ein dreiwöchiges, tropenökologisches Freilandpraktikum in Costa Rica angeboten werden," sagt Marco Tschapka von der Abteilung für Experimentelle Ökologie. Finanzielle Zuschüsse für dieses aufwendige Lehrangebot habe man nicht nur von der Universität Ulm erhalten. Auch der Deutschen Akademischen Austauschdienst und die Ulmer Universitätsgesellschaft hätten sich beteiligt. "Dadurch können wir die Kosten für unsere Studenten im Rahmen halten," so Tschapka.
Das Praktikum, das im September diesen Jahres erstmals stattfand, führt die Studenten zu unterschiedlichen Forschungsstationen im Land. Im Vordergrund steht dabei unter anderem der Vergleich unterschiedlicher tropischer Artengemeinschaften und Waldstrukturen - vom Trockenwald über Bergregenwald und Paramovegetation bis hin zum Tieflandregenwald. "Mit europäischen Ökosystemen sind die Wälder nicht zu vergleichen," schwärmt einer der Teilnehmer und beschreibt seine Eindrücke: "Im Tieflandregenwald ist es, als ginge man durch ein riesiges Gewächshaus, die feuchte, schwere Luft ist mit fremdartigen Düften angereichert. Die Stämme der riesigen Bäume sind dicht bewachsen mit Farnen, Moosen, Flechten und Orchideen. Es gibt leuchtend blaue Schmetterlinge von der Größe einer menschlichen Hand, Kolibris von der Größe einer Hummel, knallbunte Pfeilgiftfrösche "eine unglaubliche Vielfalt."
Um diese Vielfalt zu erkunden, entwickeln die Teilnehmer des tropenökologischen Praktikums in kleinen Gruppen wissenschaftliche Projekte. Darin geht es um "Interaktionen zwischen Blüten und Bestäubern", "Anpassung der Vegetation an unterschiedliche Höhenstufen" oder "Gemeinschaftsstruktur von Fledermäusen in verschiedenen Lebensräumen". Sie lernen dabei nicht nur, wissenschaftliche Fragestellungen zu entwickeln und im Freiland umzusetzen" auch die Arbeit im Team ist eine wichtige Voraussetzung für wissenschaftliche Forschung. Mit Tag- und Nachtprojekten, Vorträgen und Führungen ist der Zeitplan allerdings auch eng geschnürt. Nach einem langen, anstrengenden Tag im Wald sitzen die Gruppen oft noch bis spät abends vor einem der mitgebrachten, tragbaren Computer, um Ergebnisse auszuwerten oder Vorträge vorzubereiten. Während die "Fledermausgruppe" erst weit nach Mitternacht aus dem nächtlichen Regenwald kommt und müde in ihre Schlafsäcke schlüpft, müssen die Vogelforscher bereits um 4:30 Uhr wieder im Gelände sein. Tropenforschung erfordert auch von den Studenten Belastungsfähigkeit. Doch Forschergeist und Begeisterung für die unglaubliche Vielfalt tropischer Wälder überwiegen "das zeigen die erstaunlich umfangreichen Ergebnisse der Kurzprojekte.
Eine große Bereicherung für das Praktikum sind, neben der Betreuung durch die eigenen, tropenerfahrenen Professoren und Mitarbeiter, auch die Professoren der Universität Costa Rica. Jeder von ihnen ist Spezialist für ein bestimmtes Fachgebiet, kann Fragen beantworten, in Vorträgen theoretische Grundlagen schaffen und tolle Einblicke in die Tier- und Pflanzenwelt Costa Ricas ermöglichen. So wie Mahmood Sasa, der den Studenten während nächtlicher Exkursionen viele der Regenwaldbewohner zeigt, die man sonst kaum zu Gesicht bekommt. Mit einer schnellen, geschickten Bewegung greift der erfahrene Reptilien- und Amphibienspezialist ins Unterholz und hält Sekunden später eine tropische Klapperschlange in den Händen. "Crotalus durissus, eine aggressive und sehr giftige Art," erklärt er der Gruppe, die spätestens beim Wort "giftig" einige Schritte zurückweicht. Dann verpackt er das Tier in eine durchsichtige Plastiktüte, so daß die Studenten es im Schein ihrer Stirnlampen gefahrlos aus nächster Nähe betrachten können. Im Labor der Station wird er die Schlange später "melken" um ihr Gift für wissenschaftliche Forschungszwecke zu gewinnen.
"Auch den beteiligten Professoren der Universität Costa Rica hat die Zusammenarbeit viel Spaß gemacht. So wurden wichtige Grundlagen zum gegenseitigen Verständnis und zu einer zukünftigen Ausweitung der Zusammenarbeit zwischen den Universitäten gelegt," sagt Ellen Mayer von Abteilung für Systematische Botanik. Während ihres Studiums hat sie selbst am Austauschprogramm teilgenommen. Heute koordiniert sie es von Ulm aus. Vor Ort wird sie dabei maßgeblich von der deutschen Biologin Andrea Bernecker unterstützt, die neben ihrer Arbeit an der Universität Costa Rica auch als Koordinatorin für Ulm tätig ist. Beim tropenökologische Praktikum im September hat sie für Transport, Unterkunft und Verpflegung der 16-köpfigen Gruppe sowie einen reibungslosen Ablauf gesorgt. "Nicht zuletzt dank der tollen Organisation von Andrea war das Praktikum ein voller Erfolg," sagt Ellen Mayer.
Dieser Meinung sind auch die Studenten. Beim Abschlußabend mit allen Beteiligten in San Jose genießen sie ein Abendessen, das nach drei Wochen einfachem Leben auf den biologischen Stationen ungewohnt nobel ist und unterhalten sich über ihre Erlebnisse. "Das Praktikum hat mein Studium sehr bereichert," meint eine der Teilnehmerinnen. "Hier in Costa Rica habe ich Erfahrungen gemacht, die mir kein noch so gutes tropenökologisches Praktikum in Europa bieten kann."
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