Evaluation
– Chance und Instrument für pädagogische Arbeit an Botanischen Gärten?

Vortrag im Botanischen Garten Kiel, Jahrestagung AG Pädagogik im Verband Botanischer Gärten, 25.9.1999 von Marina Hethke, Universität Kassel, Gewächshaus für tropische Nutzpflanzen, Steinstraße 19, 37213 Witzenhausen – Arbeitsgruppe Pädagogik im Verband Botanischer Gärten


1. Einleitung

Botanische Gärten leisten mit dem Aufbau und der Pflege ihrer Pflanzensammlungen einen bedeutsamen Beitrag, weltweit die Biodiversität zu erhalten. Der dauerhafte Erfolg dieser wissenschaftlichen und gärtnerischen Anstrengungen hängt jedoch stark davon ab, wieweit sich die Bevölkerung mit diesem Zukunftsziel identifiziert und dafür engagiert. Eine öffentlichkeitswirksame Bildungsarbeit gehört deshalb zu den erklärten Aufgaben des Verbandes Botanischer Gärten.

Die innerhalb des Verbandes bestehende Arbeitsgruppe Pädagogik hat es sich zum Ziel gesetzt, diese Bildungsaufgabe des Verbandes zu unterstützen (Hethke und Grothe, 1999). Hierzu gehört die u.a. die Weiterbildung derjenigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die maßgeblich die Arbeit mit Besuchern an Botanischen Gärten gestalten und durchführen.

Ein viel beachtetes und doch in diesem Kreise relativ unbekanntes Instrument zur Verbesserung und Erleichterung der Arbeit könnte eine Evaluation sein, also eine Bewertung der eigenen Veranstaltungen, der Beschilderung des Gartens oder gar des gesamten Besucherprogrammes.

Welche Maßnahmen und Hilfestellungen sich die Mitglieder des Verbandes hierzu wünschen, sollen eine schriftliche Befragung und eine Diskussion anläßlich dieser Jahrestagung klären.

Der folgende Vortrag gibt hierzu eine Einführung.

2. Eine Annäherung an den Begriff "Evaluation"

Evaluation ist ein Modewort – im Duden für Rechtschreibung und Fremdwörter von 1952 findet sich weder das Wort Evaluierung noch Evaluation, damals nutzte man noch "Evalvation" als Synonym für "Schätzung" oder "Wertbestimmung" (Karbach, 199; Klien, 1952). Bereits 40 Jahre später ist der Begriff Evaluation fest in unserem Sprachgebrauch verankert.

In einer einfach formulierten Definition von Scriven aus dem Jahr 1980 heißt es: "Evaluation ist jegliche Art der Bewertung".

Es existieren neben dieser sehr viele verschiedene andere Definitionen, die sich aber alle auf einen gemeinsamen Nenner reduzieren lassen: es geht in der Evaluation letztendlich um eine Planungs- und Entscheidungshilfe, um eine Bewertung von Handlungsalternativen. Das primäre Ziel von Evaluation ist das Überprüfen praktischer Maßnahmen, ihre Verbesserung oder eine Entscheidung über ihre Durchführung (Wottawa und Thierau, 1990)

Evaluation bezeichnet die systematische, datenbasierte Beschreibung und Bewertung von Programmen, Projekten, Institutionen usw. aus den Bereichen Militär, Gesundheitswesen, Industrie und vielen anderen. Der Begriff wird gerade in der industriellen Qualitätssicherung oft synonym verwendet mit Begleit-, Kontroll- oder Effizienzforschung (Beywl, 1999).

 3. Evaluation als Forschungsgebiet in Schule und Hochschule

In den USA sind Evaluationen bereits seit mehr als 70 Jahren fester Bestandteil der politischen Kultur, in der BRD dagegen ist Evaluation als Mittel der Qualitätssicherung und – förderung im Dienstleistungsbereich erst seit Mitte der 90er Jahre nicht mehr aus der Hochschul – und Schullandschaft wegzudenken. Dies läßt sich sicherlich vor allem auf die immer knapper werdenden finanziellen Mittel und die daraus resultierenden Fragen nach der Effizienz ihrer Nutzung zurückführen (Beywl, 1999).

Evaluierung ist mittlerweile ein unverzichtbarer Teil im Erziehungs- und Bildungsbereich, weil sie begründete Bewertungskriterien für die Planung, Auswahl, Wirkung und Kontrolle pädagogischer Maßnahmen zur Verfügung stellt (Kroath, 1996). Sie ist entsprechend dieser Bedeutung mittlerweile in sechs Bundesländern fester Bestandteil der Schulgesetze und umfasst hier z. B. die Leistungs- oder Bewährungskontrolle von Schulversuchen, die Überprüfung der Wirksamkeit und Effizienz eines Curriculums oder Programmes, die Überprüfung der Wirkung von Informationstechnologien im Unterricht, die Qualität von Programmen und Konzepten in der Lehreraus- und weiterbildung u.v.m. (Beywl, 1999).

Weitere Indizien für die Bedeutung der Evaluation in der BRD sind z.B. die Existenz einer Deutschen Gesellschaft für Evaluierung, der DIN EU 9000 ff/2 und einer Vielzahl Zeitschriften zum Thema und umfangreicher Forschungsprojekte zur Verbesserung der Lehre an deutschen Hochschulen.

 4. Die Ebenen der Evaluation

Wenn Evaluation einen so hohen Stellenwert einnimmt, dann erhebt sich an dieser Stelle die Frage nach den Vorgängen im Prozeß "Evaluation".

Das Messen und Erfassen von Geschehnissen in ausgewählten, abgegrenzten Bereichen erlaubt es uns, gezielter Maßnahmen zur Verbesserung von Schwachstellen zu ergreifen. Dokumentierte Vorgänge erleichtern die Legitimation z.B. über die Effizienz eines Projektes bei relevanten Stellen wie den Geldgebern.

Evaluation kann aber auch Kontrolle mit allen Vor- und Nachteilen bedeuten - und gerade dieser Aspekt führt oft zu Ängsten bei den von einer Evaluierung betroffenen Menschen (Wesseler, 1997 und 1999). An dieser Stelle sei deshalb auf die Ansätze "Selbst-" und "Fremdevaluierung" hingewiesen.

Von Bedeutung ist natürlich auch die zeitliche Nutzung des Instrumentes Evaluation. Sie kann sowohl in der Planungsphase als auch projektbegleitend und oder nach Beendigung eines Projektes durchgeführt werden. Insbesondere die eingehende Betrachtung eines Vorhabens vor Beginn seiner eigentlichen Durchführung, also das Sammeln von Daten, die bei einer Entscheidung für oder gegen die Durchführung eines Projektes wirksam werden, kann ausgesprochen hilfreich sein.

Die Methoden der Evaluierung sind in Lehrbüchern, Internet etc. vielfach dokumentiert und sollen an dieser Stelle nicht erörtert werden.

5. Evaluation von Naturschutz und Umweltbildung

Evaluation betrifft die unterschiedlichsten Ebenen: Auf der gesellschaftlichen Ebene prüft sie die Wirksamkeit von Programmen, auf der Ebene der Organisationen stärkt sie Institutionen und bei der Evaluierung von Individuen geht es um das Betrachten und Verstehen spezieller Bereiche und einzelner Veranstaltungen (Chelinsky, 1997).

Diese Ebenen lassen sich auch auf Evaluationen in Umweltbildung und Naturschutz übertragen, in den Bereich also, der Botanische Gärten betrifft.

Laut Gerhard de Haan von der TU Berlin ist zwar im Bereich der Umweltbildung und des Naturschutzes die "Forschungslage desolat". (de Haan, 1999), es gibt nichtsdestotrotz eine Reihe bedeutender Forschungsarbeiten, die gerade für Botanische Gärten eine Bedeutung haben.

Am Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften – IPN - in Kiel förderte die Deutsche Forschungsgesellschaft ein Projekt mit dem Titel: "Einfluß von Naturerfahrungen auf Umweltwissen und Umwelthandeln im Kinder- und Jugendalter". Diese Studie läßt sich auf der gesellschaftlichen Ebene einordnen: eine Studie also, die eine "Vision" überprüft. Sie steht beispielhaft für ein mehrjähriges, großes Forschungsprojekt, das nur von wissenschaftlichen Instituten und durch die Förderung mit Drittmitteln stattfinden kann. Die Ergebnisse dieser Studien auf der Ebene "Gesellschaft" sind für die praktische Umsetzung der Bildungsarbeit aller Botanischen Gärten von essentieller Bedeutung (Bögelholz, 1997).

Auf der Ebene der Organisationen seien stellvertretend für eine Vielzahl von Projekten die Evaluierung der "Umweltbildung in Deutschland" genannt, eine quantitative Erfassung mit qualitativen Elementen der Technischen Universität Berlin. Ziel der zweijährigen Studie ist die Gewinnung von Orientierungs- und Planungsdaten zur Weiterentwicklung außerschulischer Umwelteinrichtungen (de Haan, 1999). Diese Studie ist noch nicht veröffentlicht und es ist unklar, inwieweit Botanische Gärten als außerschulische Lernorte erscheinen.

Ebenfalls von der Bundesstiftung Umwelt finanziert ist auch das Handbuch der ANU (Arbeitsgemeinschaft Natur- und Umweltbildung e.V.), eine Zusammenstellung zu den Umweltzentren in Deutschland. Hier tauchen neben zwei städtischen Schulbiologiezentren noch zwei "Grüne Schulen" von Botanische Gärten als Stätten der Umweltbildung auf (Kochanek et al 1996/97).

1997 evaluierte ... die Bildungsarbeit im deutschen Naturschutz.

Auf der Organisationsebene ist auch das FE Vorhaben des Verbandes einzuordnen, welches u.a. die bisherigen Arbeiten der Gärten im Bereich der Biodiversität dokumentiert (Bundesamt für Naturschutz, 1999)

Auch die Evaluierung der AG Pädagogik, die den Stand der pädagogischen Arbeit an Botanischen Gärten dokumentiert, gehört zu dieser Ebene. Diese Studie ist natürlich keineswegs inhaltlich mit den Studien de Haan und des FE Vorhabens gleichzusetzen.

Auf der Ebene der Organisationen soll Evaluation durch die Erhebung von quantitativen Daten vor allem Institutionen stärken und bei ihrer Weiterentwicklung helfen. Die Erhebung der AG unterstützt durch ihre Daten die Bildungsarbeit an Botanischen Gärten und stärkt - wie die anderen Studien - die Institution "Botanischer Garten mit grüner Schule" (Grothe et al, 1996).

6. Evaluation an Botanischen Gärten

Betrachten wir die nun die Ebene der Individuen und beziehen wir das Wort Individuum auf einen einzelnen Garten, finden wir eine Vielzahl von Evaluierungen in der Öffentlichkeitsarbeit insbesondere in anglophonen Ländern.

1994 evaluierten z.B. 65 % der australischen Botanischen Gärten ihre Besucherprogramme nach Fakten und Zahlen. Sie erhoben Daten zu Besucherzahlen und ließen sich teilweise zusätzlich über Gästebücher und Interviews ein Feedback zur Zufriedenheit ihrer Gäste geben. Laut einer Studie aus dem Tondoon Botanic Garden in Gladstone kommen 71% aller Besucher zur Erholung in ihrer Freizeit in den Botanischen Garten (Sutherland, 1996).

Die Daten der deutschen Botanischen Gärten sind in der Regel nicht als Studien veröffentlicht, sondern tauchen vorwiegend als Jahresberichte oder Interna auf. Es handelt sich hier um quantitative Messungen, die nichts über die Motivation der Besucher zum ersten Besuch oder zu ihren Erwartungen aussagen.

7. Zusammenfassung und Diskussion

Evaluation ist ein Managementmittel, Entwicklungsinstrument und Optimierungs- und Kontrollmittel (Wottawa, 1999)

Generell sind Evaluierungen so personal- und zeitaufwendig, daß der Verband Botanischer Gärten, die Arbeitsgruppe Pädagogik und/oder einzelne Gärten nur sehr bedingt tätig werden können.

Was kann also Evaluation im Botanischen Garten sein? Welche "pädagogischen" Bereiche des Gartens können und sollten evaluiert werden? Wollen wir überhaupt wissen, ob unsere "Kundschaft" Schüler, Landfrauen und Kegelclubs der Besuch im Botanischen Garten gefallen hat? Warum sie evtl. wiederkommen oder warum nicht? Ob sie etwas gelernt haben? Ob sie ihr Verhalten nach einem Besuch ändern? Oder ob sie bereits umweltgerecht handeln und im Garten Bestätigung suchen? Oder wollen wir Stärken und Schwächen unserer Veranstaltungen aufdecken, vorhandene Pluspunkte vertiefen und eventuelle Problemfelder aufarbeiten?

Vielleicht wollen oder müssen wir unsere Arbeit legitimieren vor offiziellen Stellen, vor Schulämtern und Direktorien?

Oder wollen wir durch eine Evaluierung Selbstbestätigung? Reicht die Aussage von Lewis, 1986: "One just knows when one has done well"?

Vielleicht wollen wir auch evaluieren, weil alle anderen dies auch tun?

Es bleibt also die abschließende Frage:

Ist Evaluation eine Chance und Instrument für pädagogische Arbeit an Botanischen Gärten?

Verwendete und weiterführende Literatur

Altrichter, Herbert, 1998: Reflexion und Evaluation in Schulentwicklungsprozessen, Aus: Handbuch für Schulentwicklung, Innsbruck, http://www.lehrplan99.at/evaluierung/

Beywl, Wolfgang, 1999: Evaluation in Rechtsgrundlagen deutschsprachiger Länder Arbeitsstelle für Evaluation pädagogischer Dienstleistungen, Universität zu Köln, http://www.uni-koeln.de/ew-fak/Wiso/

Bögeholz, Susanne und Jürgen Meyer, 1997: Naturerfahrung und umweltgerechtes Handeln, IPN Blätter, Oktober 1997, Kiel

Bogner, Franz, 1999: Evaluation von Unterrichtsprogrammen, Pädagogische Hochschule Ludwigsburg, Institut für Naturwissenschaften und Technik, Abteilung: Biologie und ihre Didaktik: http://www.ph-ludwigsburg.de/biologie/index.html

Bundesamt für Naturschutz (Hrsg.), 1999: Botanische Gärten und Biodiversität, Bonn - Bad Godesberg, ISBN 3-89624-615-1

Chelinsky, Eleanor and W. Shadish eds., 1997: Evaluation for the 21st Century, SAGE Publication, Thousand Oaks, London and New Dehli

De Haan. Gerhard, 1999: Einrichtungen der Umweltbildung in Deutschland - Praxis und Perspektiven ihrer Arbeit« Forschungsprojekt, Freie Universität Berlin, http://www.service-umweltbildung.de

Grothe R., A.. Hein, M. Hethke; U. Nellen, 1996: Der Stand der pädagogischen Arbeit an Botanischen Gärten, in: Gärtnerisch Botanischer Brief, No. 123, S. 11 -13, Selbstverlag AG Technischer Leiter an Botanischen Gärten e.V., Tübingen

Hethke, M. und R. Grothe, 1999: Homepage der Arbeitsgruppe Pädagogik im Verband Botanischer Gärten,  http://www.biologie.uni-ulm.de/verband/index.html

Karbach, Manfred, 1998: Anmerkungen zum Wort Evaluation, http://schulen.hagen.de/GSGE/ew/EvalW.html

Klien, Horst (Hrsg.), 1952: Duden, Rechtschreibung der deutschen Sprache und Fremdwörter, Steiner, Wiesbaden

Kochanek, Hans Martin, F. Pathe und B. Szyska, 1996: Umweltzentren in Deutschland, Schriftenreihe der Arbeitsgemeinschaft Natur- und Umweltbildung e.V., ökonom Verlag, München

Kroath, Franz , 1996: Evaluation, in: Hirdeis/Hug (Hrsg.) 1996. S. 652 : Taschenbuch der Pädagogik 1-4, Hohengehren, http://www.lehrplan99.at/home/index.html

Lewis, W.J., 1986: Evaluation in Interpretation, in: Machlis, G. (ed.), Interpretive Views, p. 107, National Parks and Conservation Association Washington; in: Sutherland, 1997

Scriven, N., 1980: The logic of evaluation. California: edg-press

Sutherland, L. 1997: Evaluation and Research: The Key to Support in: Roots, No. 15, 1997, BGCI, UK (übersetzt von C. Pape, 1999)

Wesseler, M. 1999: Evaluation und Evaluationsforschung, 1999: in Tippelt, R. (Hrsg.) Handbuch Erwachsenenbildung/Weiterbildung, Leske und Budrich Verlag (in press)

Wesseler, M., 1997: Approaches and Methods of Evaluation, Selected Materials; Module 21, Management and Administration of Vocational Training Institutions, Universität Kassel

Wottawa, H. und H. Thierau 1990: Lehrbuch Evaluation, 2. Aufl., Huber, Stuttgart

weiterführende Literatur:

Meiners;Wolfgang, 1997: Evaluation in der Umwelterziehung; http://home.t-online.de/home/umweltstation.iffens/evaluat.htm

Ökopädagogik. Die Einrichtung außerschulischer Umwelterziehung in der Bundesrepublik Deutschland. UNESCO-Verbindungsstelle für Umwelterziehung im Umweltbundesamt. Berlin.1986

Ökopädagogik. Entwicklung eines methodischen Instrumentariums zur Evaluation der Umwelterziehung. UNESCO-Verbindungsstelle für Umwelterziehung im Umweltbundesamt. Berlin.1987

Ökopädagogik. Evaluierung von Maßnahmen der Umwelterziehung: Bd 1: Fortbildung an der Evangelischen Akademie; Bd 2: Kurzzeitbildung in der Ökostation; Bd 3: Umwelterziehung an der Hauptschule;  Bd 4: Wirkungen der Umwelterziehung. -   UNESCO-Verbindungsstelle für Umwelterziehung im Umweltbundesamt. Berlin.