Von der Botanik zum Welthandel

Unter diesem Motto stand das zweitägige Fortbildungsseminar der AG Pädagogik im Verband Botanischer Gärten, das Marina Hethke im ›Gewächshaus für tropische Nutzpflanzen‹ (kurz ›Tropengewächshaus‹ genannt) in Witzenhausen (Universität Gesamthochschule Kassel) gemeinsam mit Alexandra Csik (›Arbeitskreis Eine Welt e.V. - Witzenhausen‹, einem Kooperationspartner des ›Tropengewächshauses‹) am 13. und 14.11.1998 veranstaltete.

Wie spannend Kenntnisse und Einsichten über tropische Nutzpflanzen den zahlreichen Schulklassen und anderen interessierten Gruppen in Witzenhausen vermittelt werden, erlebten die 25 gärtnerischen und pädagogischen Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus Botanischen Gärten Deutschlands und der Schweiz. Nach der Erörterung wichtiger gärtnerischer Fragen auf dem Gewächshausrundgang mit Rainer Braukmann (›Tropengewächshaus‹) wurden am Beispiel einiger bei uns häufig verwendeten, tropischen Nutzpflanzen neben botanischen, ökologischen und landwirtschaftlichen Aspekten aktuelle volks- und weltwirtschaftliche Probleme im Sinne der Agenda 21 vorgestellt. Die Seminargruppe erprobte selbst zahlreiche methodische Vorschläge zur Wissensvermittlung aus der reichhaltigen Witzenhausener internationalen Sammlung von internationalen didaktischen Materialien:

• Im Rollenspiel bildeten sie eine Produktions- und Handelskette vom Kaffeeanbau bis zur Verbraucherin.

• »Viele Völker decken unseren Tisch« nannte sich die Ralley, in der sie die Pflanzen der Kuchenzutaten erkundeten, um anschließend den leckeren ›Eine-Welt-Kuchen‹ zu verkosten.

• Die ungleichmäßige Verteilung zwischen den ›reichen‹ und ›armen‹ Erdteilen konnten sie beim ›Erdteilespiel‹ eindrucksvoll spüren. Hierbei ordneten sich die Spieler zunächst entsprechend dem Weltbevölkerungsanteil den Erdteilen zu. Als anschließend eine Tafel Schokolade zwischen den Erdteilen entsprechend ihrem Anteil am Weltbruttosozialprodukt aufgeteilt wurde, gab es verblüffte Gesichter: während z.B. 1 Einwohner Nordamerikas sich allein über 6 Stückchen freute, mußten 15 Einwohner Asiens enttäuscht unter sich 4,5 Stückchen aufteilen.

• Am ›Kaffeeparcour‹ sortierte jeder sich 47 Rohkaffeebohnen aus und vollzog den aufwendigen Bearbeitungsweg an vielen Stationen bis zum Kochen einer Tasse Kaffee. (Dieser Parcour ist für jede Institution ausleihbar.)

Die fachlich versiert und lebendig vermittelten Informationen des Witzenhausener Teams wurden von weiteren Mitgliedern der AG Pädagogik durch Ausschnitte ihrer Arbeit ergänzt, die mit ihrer ganzheitlichen Methodik u.a. verschiedene Sinne ansprach:

• So vollzog die Gruppe mit Elke Anders (Pädagogische Beratungsstelle ›Botanik Schule‹, Berlin-Dahlem) praktisch die Produktionsschritte von der Aufbereitung der Kakaofrucht bis zur fertigen Schokolade.

Getti Nabbefeld (Botanischer Garten - ›Grüne Schule Flora‹, Köln) zeigte aus ihrer Grundschulsequenz über Nutzgräser Beispiele mit Bambus. Als Basteltip brachte sie Bambus-Flugmodelle mit. Auch ließ sie die Stabilität von Grashalmen erproben. Dabei war der Gleichgewichtssinn der Teilnehmenden gefordert, als sie über eine ›Bambus-Luftbrücke‹ ballancierten.

• Mit dem Riech- und dem Tastsinn erkundeten die Teilnehmenden - passend zur Voradventszeit - Stoffmerkmale der Gewürze des Weihnachtsgebäcks. Schließlich wurde der Hörsinn im abendlichen Regenwaldhaus bei Kerzenschein mit einem ›Regentropfenspiel‹ angesprochen (Renate Grothe, Schulbiologiezentrum Hannover).

• Nach dem Motto »Auch Lernen geht durch den Magen« wurde auch der Geschmackssinn während des Seminars häufig aktiviert. Nach seinen Informationen über ökologische Zusammenhänge in den Tropen stellte Jörg Ledderbogen (Schulbiologiezentrum Hannover) einige der in anderen Weltregionen als Grundnahrungsmittel verwendeten Stärkepflanzen vor. Hieraus bereiteten die Teilnehmenden gemeinsam die Abschlußmahlzeit und verkosteten vergleichend Kochbananen, Maniok, Taro und Yams.

Weitere Anregungen für ihre eigene Arbeit holten sich die Teilnehmenden von dem umfangreichen Büchertisch mit Fachliteratur, didaktischen Materialien und Bezugsadressen; denn viele Beispiele der engagierten, handlungsorientierten Umweltbildungsarbeit, die im ›Tropengewächshaus‹ in Witzenhausen‹ in Kooperation mit dem ›Arbeitskreis Eine Welt e.V. - Witzenhausen‹ durchgeführt wird, sind auf die pädagogische Erschließung von tropischen Nutzpflanzensammlungen in anderen Botanischen Gärten gut übertragbar.

Die Arbeitsgruppe Pädagogik dankt herzlich Marina Hethke, Alexandra Csik, Hedwig Küppers und allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des ›Tropengewächshauses‹, die im Hintergrund für den guten Tagungsverlauf sorgten und durch eine fröhliche Atmosphäre die Lernprozesse förderten.

 

 

Renate Grothe, Hannover