Bericht über die 8. Arbeitstagung Pädagogischer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Botanischen Gärten in Osnabrück und Münster 1994

Die 8. Arbeitstagung fand vom 23. - 25.Juni 1994 in den Botanischen Gärten Osnabrück und Münster statt. An ihr nahmen 50 pädagogische MitarbeiterInnen, GärtnerInnen, Technische Leiter, Kustoden und BiologInnen aus Grünen oder Botanik-Schulen, aus Botanischen Gärten oder Schulbiologiezentren sowie Biologiedidaktiker aus Deutschland, Österreich und der Schweiz teil. Sie wurden im Botanischen Garten Osnabrück, dem 1. Tagungsort, durch Frau Prof. Dr. RENATE SCHEIBE (Direktorin des Botanischen Gartens Osnabrück) und Herrn Dr. KLAUS BOSBACH (Wissenschaftlicher Leiter dieser Einrichtung) begrüßt.

Die Tagung hatte das übergeordnete Ziel, unter dem Motto: "Fremde vertraute Blicke - Ungewohnte Einsichten in Naturräume" neue Wege der Öffentlichkeitsarbeit zu vermitteln. Ein zweites, ebenso wichtiges Ziel war es, die Schätze der Sammlungen beider Gärten und ihre ideenreiche, öffentlichkeitswirksame Darbietung zu zeigen. Die dritte Aufgabe der Tagung bestand darin, die TeilnehmerInnen über die bisherigen Aktivitäten der 1993 in Frankfurt (M.) gegründeten Arbeitsgruppe der Pädagogischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an Botanischen Gärten (im folgenden Text mit Arbeitsgruppe bezeichnet) zu informieren und mit ihnen gemeinsam die Weiterarbeit zu intensivieren.

Will man mit der Öffentlichkeitsarbeit möglichst viele Personenkreise erreichen und sie für die Phänomene der Pflanzen und ihrer Lebensräume interessieren oder gar begeistern, so sollte man viele verschiedene Zugangskanäle suchen, mit denen Menschen die Umwelt aufnehmen können. Neue Wege eröffnet den vorwiegend naturwissenschaftlich und in botanischen Spezialkenntnissen ausgebildeten TeilnehmerInnen die Zusammenarbeit mit einem "fremden" Fachbereich, z.B. dem Bereich der Bildenden Kunst und der Visuellen Kommunikation, der völlig andere Vorgehensweisen und Methoden bereitstellt, sich die Umwelt zu erschließen. So wurden die Tagungsteilnehmer angeregt zu einer neuen Sichtweise von Strukturmerkmalen und zu kreativen Prozessen durch das einführende Referat mit Kunstbeispielen zur Farbwahrnehmung und ihrer Interpretation von Herrn Prof. Dr. Hartmut Girke (Universität Osnabrück), der in ähnlicher Weise mit dem Botanischen Garten in Osnabrück zusammenarbeitet. Frau Dr. Frauke Krukemeyer (Universität Osnabrück, Physische Geographie) verknüpfte ebenso in ihrem Referat über eine "Spurensuche" naturwissenschaftliche Kenntnisse mit einer Wahrnehmung der ästhetischen Wirkung von Gesteinen, Pflanzen und Tieren in Naturräumen am Beispiel eines Videofilmes, den eine Schulklasse auf einem alten Eisenbahngelände mit einer Sukzession von Ruderalgesellschaften gestaltet hatte.

Das Tagungskonzept hatte dem eigenen Tätigwerden der Teilnehmer größere Zeitabschnitte eingeräumt, so daß diese die ungewohnten Methoden zunächst mit sich selbst erproben und die Naturräume in anderen Sichtweisen aufnehmen konnten. Einer dieser "gestalteten Naturräume" war der ca. 8 ha große Botanische Garten Osnabrück, der seit 1984 um einen ehemaligen Kalksteinbruch herum gestaltet worden ist mit beeindruckenden Anlagen wie u. a. den geografischen Abteilungen, einem Heil-, Gift- und Duftpflanzengarten, einer Weidensammlung (200 Taxa), das Alpinum mit der Gegenüberstellung von Kalk- und Urgesteins-Felsgesellschaften sowie der natürlich besiedelte Kalksteinbruch mit dem Schichtenaufbau und Bodenfossilien. Hier versuchten die TeilnehmerInnen einen Fels- oder Teichbiotop unter ästhetischen Kriterien zu betrachten und mit Pinsel oder Stift ihre Eindrücke der Naturräume bildnerisch auszudrücken.

Auf einer Exkursion in einen aufgelassenen Steinbruch (Obere Kreide) wurde unter Anleitung von Frau Dr. KRUKEMEYER die "Spurensuche" von den TeilnehmerInnen fortgesetzt, die Teile des Geländes mit den charakteristischen, artenreichen Kalktrockenrasen und der weiteren Sukzession sowie seiner Tier- und Vogelwelt in bewußt veränderter Sichtweise intensiver wahrnahmen und darstellten. Im Botanischen Garten Münster wurde die "Spurensuche" erneut aufgenommen und in einem abschließenden Vortrag von Frau Dr KRUKEMEYER am Beispiel eines besonders lebendigen Beitrages einer Teilnehmerin erklärt.

Zum Abschluß der Tagung stellte sich Herr Prof. Dr. GIRKE den TeilnehmerInnen für eine Diskussion anhand der während der Tagung entstandenen künstlerischen Umsetzungen des Themas "Fremde vertraute Blicke - Ungewohnte Einsichten in Naturräume" zur Verfügung. In dem lebhaften Gespräch wurde deutlich, wie unterschiedlich der Zugang zu Phänomenen der Natur sein kann und wie intensives Erleben bei einer kreativen Arbeit in der Natur entsteht; aber auch, welche Hemmschwellen die meist wissenschaftlich orientierten TagungsteilnehmerInnen bei dieser ungewohnten Vorgehensweise zu überwinden hatten.

Neben der Auseinandersetzung mit den Verfahren der Visuellen Kommunikation erfuhren die TagungsteilnehmerInnen sehr viel Wissenswertes über die Anlagen, die Sammlungen und die unterschiedliche Geschichte der Botanischen Gärten in Osnabrück und Münster. Durch den 1803 im fürstbischöflichen Schloßpark gegründeten Botanischen Garten Münster führten ANDREA HEIN (Biologin dortselbst) und HERBERT VOIGT (Technischer Leiter des Botanischen Gartens Münster) und vermittelten den TagungsteilnehmerInnen sowohl alte kulturhistorische Gartengestaltungen (Westfälischer Bauerngarten, Apothekergarten, Systematik u. a.) wie aktuelle Anlagen (Tast- und Riechgarten, Lebende Zäune) als auch unter freilandähnlichen Bedingungen nachgestaltete, naturnahe Biotope (Trocken- und Halbtrockenrasen, Binnendüne, Moore, Heiden). Die Führungen in Münster vermittelten ebenso wie die Führungen durch Studentinnen der Grünen Schule in Osnabrück einen Einblick in die Öffentlichkeitsarbeit und die pädagogische Arbeit mit SchülerInnen und Kindern.

Zu dem ebenfalls wichtigen, pragmatischen Teil der werbewirksamen Öffentlichkeitsarbeit hielt KAI VOGELMANN (ALoL-Werbeagentur GmbH., Münster) einen Vortrag über "Immer noch Schwellenangst: Die Skepsis der Kunden vor der Werbung." Er stellte die Bedeutung und Notwendigkeit von Werbung und PR für wissenschaftliche (Botanische Gärten) und Bildungseinrichtungen (Grüne/Botanik-Schulen, Schulbiologiezentren) dar. INA BAUCKHOLT und SILVYA LICHT (o.a. Firma) demonstrierten an praktischen Beispielen eine "Kundenorientierte Kommunikation" und gaben Hinweise zur Umsetzung eigener Ideen unter Beachtung der Regeln für eine wirksame Gestaltung.

Der 3. Bereich, dem hier - wie auf jeder bisherigen Arbeitstagung - Raum gegeben wurde, galt der Entwicklung der pädagogischen Arbeitsmöglichkeiten in Botanischen Gärten. Über die Aktivitäten der Arbeitsgruppe berichtete RENATE GROTHE (Schulbiologiezentrum Hannover); so über die bestätigte Aufnahme der Arbeitsgruppe als eigene Arbeitsgruppe in den Verband Botanischer Gärten und über die Mitgliederversammlung des Verbandes Botanischer Gärten am 28.5.94 in Dresden, in der der 1993 auf der Tagung in Frankfurt (M.) beschlossene Antrag der Pädagogischen Mitarbeiter an Botanischen Gärten auf Satzungsänderung zwecks Erweiterung des Vorstandes um zwei pädagogische Mitarbeiter diskutiert und mit großer Mehrheit abgelehnt wurde. Aufgrund der von TeilnehmerInnen vorgetragenen Sorge über die drohende Gefährdung der pädagogischen Arbeit durch Sparmaßnahmen diskutierte die Arbeitsgruppe Wege, die zum Erhalt, möglichst zu einer Verstärkung der Arbeit von Pädagogen an Botanischen Gärten führen könnten. Hierzu wurde ein Fragebogen zum Stand der pädagogischen Arbeit an Botanischen Gärten entwickelt, der zunächst an die TeilnehmerInnen verteilt wurde. Die Auswertung soll eine Grundlage für gemeinsame Anstrengungen zur Verbesserung der Situation bilden. Weiter besteht der Wunsch in der Arbeitsgruppe, daß man stärker mit den anderen Gruppen der MitarbeiterInnen an Botanischen Gärten ins Gespräch über eine gemeinsame Basis kommen müsse.

Zu dem Gelingen und dem harmonischen Klima der Tagung trug wesentlich die gute Versorung der TeilnehmerInnen durch den unermüdlichen Einsatz der MitarbeiterInnen beider Gärten bei. An dieser Stelle möchten deshalb die Verfasser dieses Berichtes als Sprecher der Arbeitsgruppe allen MitarbeiterInnen der Botanischen Gärten Osnabrück und Münster sowie den ReferentInnen für die inhaltliche und organisatorische Ausrichtung der 8. Arbeitstagung herzlich danken. Unser besonderer Dank gilt ANDREA HEIN, Dr. Klaus Bosbach und Herbert Voigt. Den Botanischen Gärten und Grünen Schulen in Osnabrück und Münster wünschen wir für die Zukunft alles Gute.

Die 9. Arbeitstagung der Arbeitsgruppe wird vom 21. - 23. September 1995 in Leipzig stattfinden.

Halle (S.)/ Hannover, 12. Dezember 1994

OStR Dr. rer. nat. Eberhard Große, Leiter der Botanik-Schule Halle

Renate Grothe, Schulbiologiezentrum Hannover