Bericht über die 4. Fortbildungsveranstaltung der Arbeitsgruppe Pädagogik -  30.3. - 1.4.2001
Veranstalter: Botanischer Garten der Christian-Albrechts-Universität, Kiel

Thema: »Harry Potter und die zauberhafte Pflanzenwelt«

Auf reges Interesse stieß dieses Thema in den zahlreichen Botanischen Gärten, die ihren Besuchern die Pflanzen über die Verbindung zu unseren kulturellen Ursprüngen erschließen möchten. Es konnten 17 Personen teilnehmen, darunter eine Kollegin aus der Schweiz.

•         Mit seinem Einführungsvortrag “Rowlings Potter-Universum und die Botanik - Pädagogische und andragogische Untersuchungen” umriss Dr. Martin Nickol (Botanischer Garten der Universität Kiel) die Möglichkeiten, die Botanische Gärten aufgreifen können, um diese z.Zt. aktuelle Thematik nicht nur für Kinder, sondern gerade auch in der Erwachsenenbildung dauerhaft zu nutzen:

Für die Kinder werden in vielen Botanischen Gärten erlebnisreiche, ansprechende Programme angeboten. Da das Wissen über Botanik in der Bevölkerung jedoch im allgemeinen eher gering ist, ist es notwendig, in der Wissensvermittlung auch auf die Erwachsenen einzugehen und für sie interessante Themen in spannende Vermittlungsformen umzusetzen, die keine erweiterten Kinderveranstaltungen sein dürfen, sondern das Niveau der Erwachsenen treffen müssen. Dieses kann allerdings sehr unterschiedlich sein, von einem sehr geringen Wissen bis zu einer guten Vorbildung.

Hier bietet sich das durch Rowlings Potter-Bücher geweckte Interesse an der Zauberwelt ideal an, da auch heute noch in der Bevölkerung ein Grundgefühl für Mythen, Mystik, Glauben an wirksame Mittel der Volksheilkunde vorliegt. Diese Nische einer dauerhaft gültigen Thematik gilt es zu besetzen, die noch gültig ist, wenn das Potter-Fieber einst abgeklungen sein wird. Hier bieten sich zahlreiche, Anknüpfungspunkte, um im Garten Wissen über die Pflanzen zu vermitteln.

Es geht nicht darum, die Potter-Texte oberflächlich zu imitieren, sondern auf das kulturell verankerte Wissen einzugehen - den Ursprüngen der heutigen Pflanzenkunde - auf das uralte Wissen im magischen Umgang mit den Pflanzen in den Naturreligionen der frühen Kulturvölker.

Rowlings Potter-Welt enthält zwei Ebenen: die bürgerliche Welt der >Muggles< und die Welt der Zauberer. Parallel können zwei Ebenen in der Welt der Botanik angesprochen werden: zum einen die Wissenschaft und ihre Geschichte, die Nomenklatur - Namensgebung (Rowlings Anagramme, und Namensbezüge) und zum anderen parallel zur Zauberer-Welt - Geschichten von Entdeckungsreisen, Expeditionen, Forschungsreisen zu Naturvölkern - u.a. spannende Anknüpfungsmöglichkeiten.

In der nachfolgenden Diskussion wurden u.a. die rechtlichen Fragen der Lizenzen erörtert.

•           Anschließend stellte Renate Grothe (Schulbiologiezentrum Hannover) eine Auswahl von den in Botanischen Gärten möglichen Themen und Aktionen zur magischen Pflanzenwelt vor, die die Arbeitsgruppe Pädagogik zuvor zusammengetragen hatte. Das folgende Programm zeigte einige Ausschnitte aus dieser Liste.

•         In ihrem grundlegenden, mit zahlreichen Dias illustrierten Vortrag “Der Zauberpflanzenpfad im Botanischen Garten Saarbrücken” referierte Dr. Marlene Rosinski (Botanischer Garten der Universität des Saarlandes Saarbrücken) über die wichtigsten Heil- und Giftpflanzen, deren Wirkstoffe und die ihnen ursprünglich unterlegten magischen Kräfte in Mythen, Ritus und Aberglauben. 

Außerdem berichtete sie über die Erfahrungen mit dem >Zauberpflanzenpfad<, den sie im dortigen Garten mit einem Faltblatt und einer Broschüre für Selbstführungen entwickelt hat.

•         “Hexerei: alles Botanik?” dieser Frage gingen Gisela Bertram und BerNd Mlody (Botanischer Garten der Universität Hamburg) auf einem fiktiven Rundgang durch den Garten nach, in dem sie zu den in Dias gezeigten Pflanzen in einem spannenden Dialog die Phänomene der Botanik dem daraus abgeleiteten Aberglauben gegenüberstellten (so wurden z.B. die vom Scharbockskraut zahlreich auf den Boden gefallenen Brutknöllchen, als vom >Himmel gefallene Gerste< begrüßt).

•         Von einem brodelnden ›Zaubertopf‹ (mit gefrorenem CO2) begleitet, schilderte Dr. Angela Niebel-Lohmann (Botanischer Garten Hamburg) in Wort und Bild ihre Erfahrung mit einer Kinderveranstaltung zur “Walpurgisnacht im Botanischen Garten Hamburg”, zu der sie Kinder in Hexen- und Zaubererkostümen eingeladen hatte. Die Führung zu einigen ›Zauberpflanzen‹ war umrahmt von einem Festprogramm mit Tanz, Basteln und einem >Hexen<-Imbiss. - Sie sprach das Problem an, Besucher durch die limitierte Teilnehmerzahl abweisen zu müssen, um die Qualität einer äußerst beliebten Veranstaltung durch eine überschaubare Gruppengröße zu erhalten.

Workshops

•         Mit einem Fragebogen über “Pflanzen im Märchen”, mit dem sie die Teilnehmenden zur gegenseitigen Vorstellung anregte, leitete Marina Hethke (Universität GHS Kassel Tropengewächshaus Witzenhausen) den Praxisteil ein- ein Spiel, das zur Pflanzenerkundung im Garten ausgeweitet werden kann.

Workshop ”Zaubergerätschaften”

•         Die sachgerechte Anfertigung eines (zum Ausfegen!) funktionstüchtigen Reiserbesens erlernten die Teilnehmenden beim ”Besenbinden” durch Frank-Dieter Sell (Kiel), der dieses Handwerk noch heute ausübt und Gruppen in dieser Technik und in der Materialkunde der alten Nutzpflanzen wie Hasel, Weide, Birke, Besenginster anleitet.

•         Die Bastelanleitung “Zauberstäbe wirkungsvoll herstellen” von Dr. Sophia Schrödter (Kiel) vermittelte praktische Kenntnisse über die Eigenschaften von Holunderholz.

Workshop “Feuerzauber und Räuchern”

•         Mit dem “Feuerzauber der Botanik” zeigte Ditmar Breimhorst (Palmengarten Frankfurt) eine eindrucksvolle Sequenz aus seinem Schülerprogramm: Helle Flammenstöße flammten auf, als Bärlappsporen in eine Kerzenflamme geblasen wurden.

•           Marina Hethke gab in ihrem Vortrag über “Die Pflanzenwelt in Dunst und Rauch” nach einem kulturgeschichtlichen Überblick zum Räuchern und über die Bedeutung der Räucherpflanzen in Ritus und Volksmedizin zwei praktische Beispiele der pädagogischen Umsetzung: das Räuchern mit dem ägyptischen Kyphi und eine interaktive Methode zum Erlernen von Dufpflanzen und ihrer Produkte (>Schatzkiste<).

•         Im Workshop “Praktikum in der Zauberschule oder: Die Arbeit in der Alchemistenküche” (Renate Grothe, Martin Nickol) wurden einige Experimente zur Fluoreszenz und zu Farbumschlägen mit Chemikalien (Blue Bottle) und die praktische Unterrichtsanleitung“Pflanzenzauber mit Blüten” - mit Farbumschlägen durch Natronlauge, Essigsäure und Ammoniak demonstriert.

•         Um geheime Botschaften zu schreiben, schnitzten die Teilnehmenden nach historischem Muster Federkiele aus Pfauenfedern und testeten verschiedene Geheimtinten (Renate Grothe).

•           Selbstgekochte “Überraschungssüßigkeiten mit unterschiedlichsten Geschmacksrichtungen” - mit nicht nur angenehmen, ätherischen Ölen - schickte (mit Rezeptur) Jörg Ledderbogen (Schulbiologiezentrum Hannover).

Zwei Kurzvorträge zur ”Pflanzenwelt in Magie und Märchen” schlossen die Veranstaltung:

•           Martin Nickol erläuterte die “Signaturenlehre” an mehreren Beispielen. Der Glaube, dass die Pflanzen dem Kundigen durch Zeichen ihre Heilwirkung anzeigen, zog sich durch die gesamte Kulturgeschichte und hatte einen großen Einfluss auf die Heilkunde von der Antike über Paracelsus bis zur Homöopathie.

•           Abschließend stellte Renate Grothe “Die Pflanzenwelt bei Harry Potter und in Mythen und Märchen” vor. In dieser Gegenüberstellung wurde deutlich, wie Rohling die große Bedeutung der Pflanzen in der Zauberwelt einsetzt: etwa 50 Pflanzennamen - zum Teil rätselhaft verschlüsselt - lassen sich in den bisher erschienenen vier Potter-Bänden finden: viele als Symbole für menschliche Charaktere, viele als wirksame Zauberpflanzen. Meist haben sie Bezüge (wenn auch phantastisch überhöht) zu antiken ägyptischen, griechischen und nordischen Mythen oder zu Märchen, aber auch zu realen, pharmazeutischen Wirkungen. Hier lassen sich viele Themen anknüpfen, die die Pflanzen den Besuchern des Gartens erschließen.

Am Büchertisch informierten sich die Teilnehmenden über das reichhaltige Angebot zu dem Thema der Heil-, Hexen- und Zauberpflanzen und seiner pädagogischen Umsetzung.

Die Ergebnisse dieser Veranstaltung erscheinen in der Reihe ›Gelbe Blätter aus dem Botanischen Garten Kiel‹.

Die Arbeitsgruppe Pädagogik dankt herzlich Dr. Martin Nickol, Michael Braun und allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Botanischen Gartens, die für die Organisation und den guten Tagungsverlauf sorgten.

Renate Grothe